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Fallstricke auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit

Fallstrick Nummer 1:
*Dieses Gefühl will ich nicht!*

Fallstrick Nummer 2:
*Ich meditiere jeden Tag. Mein Fokus ist meinen Geist zu schulen. Gefühle hindern mich an meinem spirtuellen Weg.*
Eine meditative Praxis die Gefühle abspaltet/trennt/negiert, hat nichts mit Spiritualität zu tun.

Fallstrick Nummer 3:
*Ich will Gefühlskompetenz und zwar sofort und steige mit den heißesten Themen ein.*
Es macht keinen Sinn, sich zu überfordern. Kompetenz und unser „Fühlkörper“ brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Setzt du dich zu sehr unter Druck, ist Frust vorprogrammiert. Möglicherweise erstarrst du, landest im Überlebensmodus und damit in deinen Schutzmustern, und gewonnen ist nichts. Letztendlich entsteht nur wieder Leid.
Sorge dafür, dass ein sanfter, zugewandter Anteil in dir achtsam ist mit dir und deinen inneren Antreiber im Blick hat.
Falls ein Gefühl für dich unerwartet sehr belastend ist, z. B. weil du es unterschätzt hast, wende dich von ihm ab und sorge für deine Stabilisierung. Halte dich z. B. mit deinen Händen – Brust/Bauch, oder Nacken und Herz. Diese Haltungen sprechen den *ventralen Vagus* an, der für Beruhigung und Ausgleich des autonomen Nervensystems zuständig ist. Wenig ist mehr!!!

Fallstrick Nummer 4:
*Ich will es wissen, und beiße mich an dem jeweiligen Gefühl fest.*
Wenn du dich festbeisst, setzt du dich und dein Nervensystem unter unnötigen Druck. Es genügt vollkommen, dass jeweilige Gefühl zu fühlen. Erkennen und benennen zu können sind schon große Schritte in Richtung Gefühlskompetenz. Und damit genug! Nimm‘ diesen „Geschmack“/den Eindruck, den du gewonnen hast von dem Gefühl in die warme Stube deines Herzens und gib ihm einen Platz…..Shift go. Wenig ist mehr!!!

Fallstrick Nummer 5:
*Ich bin das Gefühl.*
Das Gefühl hat dich am Haken. Du bist als ganzes Wesen damit identifiziert. Vereinnahmt.
Die Herausforderung ist, dein bewusstes Ich – oder nenne es deinen inneren Zeugen an deiner Seite zu haben und damit die Perspektive zu wechseln. Ein Übungsfeld.

Fallstrick Nummer 6:
*Ich möchte meine Gefühle kontrollieren und endlich einen Haken hinter bestimmte Gefühle in mir machen. Wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich in bestimmte Zustände gar nicht mehr kommen und sie loswerden. Sofort!*
Ein zutiefst menschliches Bedürnfnis, doch deine Lebendigkeit wird in deiner Abwehr/in deiner Blockade gebunden. Gefühlskompetenz kann sich nicht ent-wickeln. 

WICHTIG: Wenn es um Gefühlskompetenz geht, geht es darum, zu lernen, Gefühle überhaupt wahrzunehmen – zu fühlen. Immer unmittelbarer. Dazu gehört auch, sie benennen zu können. Es geht nicht darum Gefühle auszuagieren, sondern vielmehr darum, mit ihnen zu sein. Ein Gefäß in sich zu entwickeln, wo diese sein können. Die nächste Stufe wäre dann, auch sichtbar damit in Beziehung gehen zu können – ohne die Verantwortung dafür an das Gegenüber abzugeben. Denn deine Gefühle sind DEINE Gefühle.

Hohe Schule, ich weiß! Und ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnt, in diese Kompetenz zu investieren. Die Teilnahme an ‚Der Tafel der Gefühle‘, und davon inspiriert dein beharrliches Forschen im Alltag könnten ein Weg dahin sein.

Interessant und hilfreich zu all dem ist die ‚Polyvagal Theorie‘ von Stephen P. Worges.

Die nächste, zu diesem Thema von mir entwickelte Übungspraxis im Format einer Online-Meditation ‚Die Tafel der Gefühle‘ biete ich am:
Donnerstag, 16. Juli 2020 um 19:30 Uhr an.
Dauer: ca. 1,5 Std.
Kosten: 18 Euro (inkl. MwSt u. Zoom-Gebühr).
Anmeldung bitte per E-Mail an: info@sabine-schroeder-seminare.de.

 

Gefühlskompetenz und Lebendigkeit

Woher kommt nur diese unglaubliche Wut?

Diese Frage habe ich mir in den letzten Monaten immer öfter gestellt. Mein innerer Kampf wurde immer unerträglicher. Der Versuch, zu unterdrücken, was mir meine Seele an Hinweisen schickte, funktionierte immer weniger. Die Folge: Wut, Ärger, innerer Kampf, Frust und Unzufriedenheit.

Irgendwann konnte ich nicht mehr wegschauen, es wurde klar: Hier läuft etwas grundsätzlich schief.

Gefühle..…

Auch wenn dieser Anfang von meinem Newsletter nicht so klingen mag, ich erlebe gerade eine zutiefst inspirierende Zeit. Das vorherrschende Thema heißt „Gefühle“, auf das ich heute einmal mehr Bezug nehmen möchte.

Vermutlich kennst auch du die Momente, in denen du gefühlsmäßig überfordert bist und auf gewohnte Schutzmechanismen zurückgreifst. Momente, wo du dich rettest, über Schutz- und Abwehrmechanismen wie Flucht, Angriff oder Erstarren.

Mir sind alle drei Mechanismen bekannt. Wobei Starre, Luft anhalten, und der gleichzeitig damit beginnende innere Dialog in Form von analysieren, projezieren, bewerten und rechtfertigen, um irgendwie die Kontrolle über meine Gefühle zu bekommen, meine vertrauteste Reaktion ist.

Überwältigt von zuviel (?) Gefühl

Wenn ich an meine Kindheit denke, war da viel Überforderung im Umgang mit meiner Gefühlsvielfalt. Ich erinnere mich an Aussagen wie: Sei nicht so empfindlich. Was du schon wieder hast? Du bist so kompliziert. Immer bist du gleich beleidigt. Stell dich nicht so an…

Aus all diesen Aussagen verinnerlichte ich Glaubenssätze wie: Meine Gefühle sind falsch. Da ist etwas ganz grundsätzlich nicht richtig an mir. Ich muss anderes fühlen. Ich muss anders sein. Gefühle sind eine Schwäche von mir. Meine Gefühle überfordern mich und andere.

Die Folge: Ich habe mich mir selbst entfremdet, gelernt, Vieles zu unterdrücken und nicht gelernt, wie ich mit meinen Gefühlen sein kann. Da war niemand, der mir helfen konnte, ein Gefäß zu entwickeln, um meine Gefühlsvielfalt als einen Schatz zu erleben.

Das Kollektiv und unser Erbe

Denn all die Erwachsenen um mich herum hatten selbst keinen Zugang zu ihren Gefühlen, oder wenn, dann waren sie selbst davon überwältigt. Sie gehörten zur Kriegskindergeneration, einer Generation, die früh lernen musste zu funktionieren um zu überleben, viel zu arbeiten – auch um nicht fühlen zu müssen.

So konnten sie mir nicht vermitteln, mit Gefühlen zu sein und verantwortlich damit umzugehen. Was sie mich lehrten und sich in mir stattdessen ausbilden konnte, war meine Ratio. Ich lernte, alles über den Kopf zu erklären, zu analysieren, spaltete meine Gefühle ab und konnte vieles verstehen – nur nicht mich selbst.

Die Tafel der Gefühle

Vor ein paar Wochen kam eine Meditation zu mir. Sie bekam von mir den Namen Die Tafel der Gefühle. Es war ein heiliger Moment. Es ist, als ob sich etwas in mir zu drehen beginnt. Mir wurde gewahr, ich bin jetzt soweit, meine Gefühle fühlend kennenzulernen und anzunehmen. Der Weg führt mich weg vom kognitiven Verstehen meiner Gefühle, direkt hinein in mein Herz.

Die Herausforderung, Gefühle jenseits von Geschichten und Auslösern fühlen zu lernen

Aufnehmen statt ablehnen oder manipulieren/verändern. Vertraut werden, weicher werden, flüssiger. Den Herzraum hierfür öffnen und wachsen lassen. Sanftes trainieren des Fühlens. Üben und lernen, mit puren Gefühlen zu sein. Auf Herzebene ein „hallo du“, zu jedem einzelnen Gefühl, dass sich zeigt. Das Gefühl benennen lernen. Raus aus dem Leid, das die Gewohnheit, Geschichten an die Gefühle zu hängen, auslöst.

Es ist nicht immer möglich, Schmerz zu vermeiden. Schmerz ist Teil unseres Lebens. Doch Leid ist eine Entscheidung. Sich gegen das Leiden und für das Fühlen zu entscheiden – ohne Anhaftung an Geschichten, ist lernbar.

Gefühle sind wertvolle Hinweise aus unserem Innersten. Sie helfen uns u. a. eigene Bedürfnisse und unsere Grenzen wahrzunehmen und uns über den Kontakt mit uns selbst im Außen zu positionieren.

Mal laut, mal leise, mal angenehm, mal unangenehm, mal fremd, mal überwältigend, mal schmerzhaft, mal getrennt, dann wieder verbunden, erschütternd, ohnmächtig, machtvoll… Wie ein bunter Blumenstrauß entfaltet sich langsam die Fülle der zutiefst eigenen menschlichen Vielfalt. Wichtig dabei ist, dass auch die schwierigen Gefühle zu unserem menschlichen Potential gehören. Um bei dem Bild des Blumenstraußes zu bleiben, vervollständigen sie die innere Farbpalette unseres Seins.

Gefühlskompetenz ist erlernbar

In der schamanischen Arbeit wird von Seelenanteilen gesprochen, die integriert werden wollen. Die Integration geht über den Weg des Herzens.

Sein. Atmen. Sanfter Mut. Das Herz lernt in die Fülle zu entspannen. Das Nervensystem lernt mit, wird vertraut mit der frei werdenden Lebendigkeit.

Ich lade dich ein auf einen Weg zu mehr Gefühlskompetenz:

Die Tafel der Gefühle – eine geführte Online-Meditation

Der nächste Termin hierzu ist am Di. 26. Mai 2020 um 19:30 Uhr. Das erste Angebot dazu gab es bereits am vergangenen Donnerstag, und in mir ist Lust auf mehr. Es braucht sanfte Übungsräume. Daher werde ich dieses Angebot weiter ausbauen.

Außerdem werde ich das Seminar: Unverschämt lebendig vom 9.-12. Juli 2020 inhaltlich zu diesem Kontext weiterentwickeln. Der Fokus wird auf Gefühlskompetenz und Lebendigkeit liegen. Die Sicherheitsabstände werden in diesem Seminar gewährleistet sein. Anmeldungen sind ab sofort möglich.

Gerne begleite ich dich ein (weiteres) Stück deines Weges.

Aspekte im Sein

Hallo Du!

In welchen Gefilden bist du derzeit unterwegs? Was erlebst du?
Kannst du die Möglichkeiten der Veränderung und des Reifens für dich zulassen?

Für mich hat diese Zeit eine Menge (zugegebenermaßen herausforderndes) Potential.

Da gibt es Momente, wo etwas in mir still werden mag. Rückzug. Nichts tun. Sein. Aufenthalte in der Natur, tiefes Schlafen, viele viele Nickerchen. Essen zubereiten und aufnehmen, verdauen. Lesen, Musik hören, mich pflegen – Seelenzeit. Dann hänge ich in meiner Affenschaukel auf dem Balkon ab, schaue Löcher in die Luft, lausche dem Zwitschern der Vögel, dem Wind in den Bäumen…

In den Tagen in der Klinik erlebe ich mich von einer anderen Seite. Da entstehen tiefgreifende Prozesse mit den Klienten, die mich ganz anders in den Moment eintauchen lassen. Sogar mit Maske, die sowohl die Klienten, als auch die Therapeuten seit letzter Woche ganztägig zu tragen haben, waren erstaunliche, berührende und heilsame Momente im miteinander möglich. Niemals hätte ich das für möglich gehalten. Und es ist! Ich fühle mich verbunden, dankbar und präsent über Kontakt.

Zurück aus dem nie wirklich alltäglichen Klinikalltag, zuhause angekommen, folgt wieder der Wunsch nach Stille. Verdauen. Integrieren. Für mich nichts wirklich Neues, und doch, es ist etwas anders. Es gibt sie gerade nicht, die vielen Termine außerhalb. Seminare und Schossraumzeiten sind abgesagt, oder verschoben. Ich gewinne Zeit und ahne – bei aller Herausforderung, dass diese Zeit kostbar und wichtig ist. Ein kollektiver Paradigmenwechsel?

Die folgenden Zeilen habe ich auf FB entdeckt:

Wenn ein Ei von außen zerbrochen wird, endet Leben.
Wird es aber von einer inneren Kraft gebrochen, beginnt Leben.
Große Dinge beginnen immer von innen.
gesehen bei Elfriede Haassehrenfeld

Es ist immer wieder pure Magie, irgendwann kommt ein Impuls von Innen, ich bin soweit, in Aktion zu treten. Die Schöpferin in mir ist bereit für den nächsten Schritt. Raus aus der scheinbaren Starre und Stagnation, die vermutlich gar keine war, rein in mein schöpferisches Sein. Plötzlich ist es an der Zeit, ins Handeln zu kommen, die Fäden neu aufzunehmen. Energie steht mir von einem auf dem anderen Moment zur Verfügung um aktiv zu werden. Nicht aus Angst vor, sondern als: Lust auf.
Was ist wirklich wichtig für mich? Jetzt! Was ist dran, es loszulassen? Was möchte jetzt geordnet werden?

Wiedereinmal gibt es keine Abkürzung. Ich meine, es braucht die Zeit des Still-werdens, die Zeit der Zuwendung. Es braucht die Zeiten, in denen wir unsere inneren Knoten wahrnehmen und eine bewusste Entscheidung treffen können, diese zu lösen. Knoten lösen heißt, sich behutsam zu öffnen, anstatt weiter eng zu werden. Knoten für Knoten. Für die Verbindung – den roten Faden zur Quelle wieder aufnehmend. Der Quelle in dir.

Bisweilen können Zweifel und ein Mangel an Vertrauen zu heftigen inneren Auseinandersetzungen führen. Wie gehst du in solchen Phasen mit dir um? Was hilft dir? Wie kannst du dich auf zugewandte Art herausfordern? Den nächsten Schritt tun? Den ersten Schritt?

Zur Erinnerung für dich:
Der Beginn ist immer dein Atem. Dein bewusstes Atmen ist deine Erlaubnis, deine Öffnung zu dem, was gerade ist. Dein JA zum Moment. Deine Bereitschaft, dich auf den Moment einzulassen und ihn kennenzulernen. Dieser Moment ist wie jeder andere einzigartig und es könnte Vieles zu entdecken sein. Jenseits deiner Gewohnheiten. Jenseits deiner Glaubenssätze.

So mag ich dich ermutigen, diese Zeit zu nutzen, um bewusst mit Momenten zu sein. Zu fühlen. Die auslösende Geschichte/den auslösenden Gedanken loszulassen und dich ganz dem Gefühl im Moment zu widmen.

Zu diesem Thema ist eine wundervolle Meditation zu mir gekommen. Ich habe ihr den Namen Die Tafel der Gefühle gegeben.

Mein aktuelles Angebot für dich:

Diese Meditation werde ich per Zoom am Do. 14. Mai um 19:30 Uhr anbieten. Dauer: ca. 1 Stunde. Wenn du dabei sein möchtest, so melde dich bitte per E-Mail bei mir an. Ich schicke dir dann gerne den Link und Informationen zu Zoom.
Unkostenbeitrag: 12 Euro.

Gerne begleite ich dich ein (weiteres) Stück deines Weges.

Isolation in Zeiten der Veränderung

Grandma, wie schaffe ich diese Zeit der Isolation?

Meine Tochter, Isolation ist eine besondere, geheimnisvolle und heilige Zeit. Es ist eine Phase des Wartens und der Vorbereitung auf ein neues Leben. Es ist die Phase, die eine große Veränderung hervorbringt.

Und wie bereitet man sich auf diese Veränderung vor?

Mit einfachen, echten und liebevollen Taten. Kämme jeden Morgen dein langes Haar mit Hingabe und löse alle Knoten, auch die versteckten, die du immer vernachlässigt hast. Es ist an der Zeit, alle Knoten mit dem Kamm anzugehen. Dann widme dich auch der Entwirrung der Strähnen deiner Lieben. Mit Geduld wirst du versuchen, das Ende der Strähne zu finden, den genauen Anfangspunkt des Themas. Schon mit diesen einfachen aber kraftvollen Handlungen wirst du außen und in dir Ordnung schaffen. Mit dem Lösen deiner körperliche Knoten beginnst du, auch deine inneren Knoten zu erreichen

Und nachdem ich die Knoten gelöst habe, was kann ich tun, Grandma?

Entferne alles an dir, was nicht mehr schöpferisch ist. In diesen Tagen, meine Tochter, sortiere Kleidung aus, die du lange nicht mehr getragen hast oder die du nicht mehr nutzen willst, öffne die Fenster deines Hauses weit, um die abgestandene Luft raus zu lassen, entwickle neue Gedanken indem du die alten aufgibst, widme dich der Erschaffung neuer Gewohnheiten, neuer Bräuche und neuer Traditionen.

Grandma, ich fürchte, dass sich nach dieser Isolation nichts ändern wird. Der Mensch vergisst schnell…

Wie andere auf diese Zeit der Isolation reagieren werden, geht dich nichts an. Bemühe dich um Veränderung und verpflichte dich, nicht zu vergessen. Sorge dafür, dass dieser Sturm dich so sehr erschüttert, dass er dein Leben komplett revolutioniert.

(engl. Text von Elena Bernabé, indigene Völkerkultur). Danke Elena!

Die Welt nach Corona

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei“ ist (von Matthias Horx)

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird” und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen.
Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.
Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…

Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.
Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”
Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

Verfasser: Matthias Horx, www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.
Ergänzend dazu: https://www.diezukunftnachcorona.com/die-coronagleichung/

Für ein Leben in Kontakt und Leidenschaft
SAbine

Sehnsucht nach Intimität

Kennst du das? 

Ein kurzer Blick. Eine flüchtige Begegnung. Ein paar scheinbar unbedeutende Worte mit einem/einer Fremden. Schnell vorbei, und doch bleibst du zurück mit einem warmen Gefühl in deinem Herz. Was war das jetzt gerade? Mehr davon!

Intime Momente entstehen oft völlig überraschend. Momente, in denen du einen kurzen Blick erhaschen darfst hinter die Fassade deines Gegenüber, einen Blick auf sein Herz, in seine Seele, seine Einzigartigkeit. In Momenten, in denen du sichtbar wirst, unmaskiert, pur, menschlich – nackt. Es gibt eine tiefe Sehnsucht in uns Menschen nach wahrhaftiger Begegnung die berührt.

Doch warum geschieht das so selten?

Missverständnisse zum Thema Intimität

Vergangenes Wochenende habe ich – gemeinsam mit Andreas – eine Gruppe Frauen und Männer durch das Seminar „Wege zu echter Intimität“ begleitet. Anfangs wurde schnell deutlich, wie viele Ängste das Wort „Intimität“ auslöst. Vieles davon ist mit S*e*x, Entblößung und Nacktheit assoziiert. Dabei kann, wie die obigen Beispiele zeigen, Intimität überall geschehen; angezogen mitten auf der Straße, sogar über tausende Kilometer am Telefon. Und umgekehrt kann selbst S*e*x völlig frei davon sein. Getrennt und abgespalten.

Und: Vermutlich denken wenige bei Intimität an eine Konfrontation, oder an eine Auseinandersetzung. Doch auch hier ist Intimität möglich und kann neue Türen öffnen. Eine Auseinandersetzung, die auf Augenhöhe, ohne Opfer/Täter-Machtspielchen stattfindet, kann zutiefst intim werden und ungeahnte Möglichkeiten zu Tage fördern.

Wie kann das gehen? Und vor allem: Wie kann das auch mit Menschen gehen, mit denen du schon ein gemeinsames Stück Geschichte hast und die du zu kennen meinst?

Was braucht es von dir? Was meinst du von deinem Gegenüber hierfür zu brauchen?

intimus (lat.) – dem Rand am fernsten, am weitesten innen. Eine wunderbare Beschreibung.

Es braucht deinen Mut, dein Innehalten, deinen Kontakt zu dir, deinem Körper, deiner Seele, deiner Unvollkommenheit. Es braucht deinen Mut zur Lücke, dein Aussteigen aus Gewohnheiten und das Erkennen unbewusster Abwehrmechanismen und Vermeidungsstrategien. Es braucht deine liebevolle Zuwendung – deine Begleitung, deine Heimat in dir. Und dann ein Gegenüber, dem du dich in Begegnung anbietest. Ja, ich schreibe hier bewusst von einem Angebot von dir.

intimus (lat.) – dem Rand am fernsten, am weitesten innen.

Dich für Intimität zu öffnen heißt, deine Verwundbarkeit zuzulassen und Magisches entstehen zu-lassen. Langsam zu werden. Sichtbar menschlich, Unvollkommen und gleichzeitig Einzigartig im Sein. Erfahrungen erfahren (ich schreibe bewusst nicht zu „machen“) im Gesehen werden, mit dem was gerade ist, und vielleicht sogar damit willkommen zu sein. Und auch dieses „vielleicht willkommen“ erwähne ich bewusst. Intimität ist auch ein Risiko.

Und sie nährt uns, macht uns lebendig, inspiriert, bringt unser Herz zum Schwingen, lässt uns Verbundenheit erfahren. Sie macht möglich zu erkennen, dass da soviel mehr ist, als unsere Konzepte, Ideen und Vorstellungen von dem Moment, dem Leben, von uns selbst und von unserem Gegenüber. Sie schafft Möglichkeiten.

Intimität – ein lebenslängliches Abenteuer mit unklarem Ausgang.

Für Lebens- und LiebesforscherInnen Zukünftiges zum Vormerken: Zum Thema Intimität werde ich nächstes Jahr im August (19. bis 22.8.2021) ein weiteres Forschungsfeld (Seminar für Frauen, Männer, Singles und Paare) mit dem Titel „Liebesdinge“ anbieten. Ich freue mich drauf. Näheres dazu beizeiten.

Für dein Leben in Kontakt und Leidenschaft.

Gerne begleite ich dich ein (weiteres) Stück deines Weges.

Der Innere Richter – ein Vermächtnis?

Hallo Du!

Im Lesen des Buches von Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“, in dem es um die schwarze Pädagogik und ihre verheerende Wirkung geht, stelle ich fest, wie viele der Kernaussagen der schwarzen Pädagogik mir erschreckend vertraut sind. Unbedingt lesenswert!

Aussagen, die über Generationen weitergegeben wurden und noch heute ihre Wirkung haben. Mir wurde deutlich, dass mein Innerer Richter/Kritiker vieles davon verinnerlicht hat und wie er mich phasenweise auf zerstörerische Art und Weise verzweifeln lässt.

Die Schwierigkeit, die ich bei vielen Menschen und auch bei mir beobachte: Wie mit Gefühlen und schmerzhaften Emotionen umgehen, die „eigentlich“ gar nicht sein dürfen.

Alice Miller schrieb dazu u. a. :

Menschen, denen es von Anfang an in der Kindheit möglich und erlaubt war, auf die ihnen bewusst oder unbewusst zugefügten Schmerzen, Kränkungen und Versagungen adäquat, d.h. mit Zorn, zu reagieren, werden diese Fähigkeit der adäquaten Reaktion auch im reiferen Alter behalten. Als Erwachsene werden sie es spüren und verbal ausdrücken können, wenn man ihnen wehgetan hat. Aber sie werden kaum das Bedürfnis haben, dem anderen deshalb an die Gurgel zu fahren. Dieses Bedürfnis kommt nur bei Menschen auf, die immer auf der Hut sein müssen, dass ihre Staudämme nicht reißen. Wenn diese reißen, ist alles unberechenbar. So ist es begreiflich, dass ein Teil dieser Menschen, aus Angst vor unberechenbaren Folgen, jede spontane Reaktion fürchten muss, und dass es beim anderen Teil zu gelegentlichen Entladungen auf Ersatzpersonen im unverständlichen Jähzorn oder zu regelmäßigen Gewaltakten in Form von Mord und Terroranschlägen kommt. Ein Mensch, der seinen Zorn als Teil von sich selbst verstehen und integrieren kann, wird nicht gewalttätig. Er hat erst das Bedürfnis, den anderen zu schlagen, wenn er seine Wut eben nicht begreifen kann, wenn er mit diesem Gefühl als kleines Kind nicht vertraut werden durfte, es nie als Stück von sich selbst erleben konnte, weil dies in seiner Umgebung völlig undenkbar war.

Von der Gewalt im Selbst

Ein Teil von mir war bis vor kurzem der Ansicht, dass der Innere Richter/Kritiker es irgendwann einmal gut mit mir meinte. Die Strategie, mir selbst etwas schön zu reden, weil alles andere Konsequenzen hätte, die mich konfrontieren würden mit Wut und Schmerz über vergangene Zeiten. Im Gegensatz zu damals als Kind, besteht heute als Erwachsene die Herausforderung darin, Reife und liebende Güte zu entwickeln, anstatt Bewertung und Verurteilung (Gewalt im Selbst), um mit unangenehmen Gefühlen und schmerzhaften Emotionen, die Teil unseres Menschseins sind, zu sein.

Liebende Güte

Berührbar, menschlich, verletzlich oder auch zornig und wütend – und in all dem willkommen. Zugewandte/r Zeuge/in dessen, was mich triggert und in meinem Nervensystem wühlt, und sich mit Hilfe eines vielleicht noch ganz neuen Anteils – ich nenne ihn „liebende Güte“, in der eigenen Zeit beruhigen kann und beruhigen wird.

Über die liebende Güte kann sich ein inneres Gefäß entwickeln, das es mir möglich macht, Gefühle weder zu negieren und abzuspalten, noch gegen mich selbst zu richten oder in dem gewohnten Kampf/Angriff zum Auslöser hin auszuagieren. Bewertungen und Verurteilungen dürfen nach und nach Akzeptanz und Wertschätzung weichen.

Dadurch wird eine Integration abgelehnter Gefühle und Emotionen – mit denen viele von uns nicht gelernt haben umzugehen, möglich. Abgelehnte Anteile können ihren Schrecken verlieren und uns spürbarer in unserer Einzigartigkeit mit uns selbst und anderen in Kontakt gehen lassen. Verbindung versus Verurteilung und Kontaktabbruch.

Ich wünsche dir, mir, uns allen, die notwendige Courage des/der beherzten Kriegers/in für ein Leben in Kontakt (Verbundenheit) und Leidenschaft (aus ganzem Herzen).